In Leipzig wurde schon früher gern Demonstriert: Erst für eine bessere DDR, dann gegen die DDR und schließlich für die Westmark. Jetzt demonstrieren in Leipzig Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Nazis aus Leipzig und Umgebung gegen Kinderschänder und für „nationalen Sozialismus“. Nach der ersten Demonstration am Donnerstag, die von lokalen Nazis der „Freien Kräfte Leipzig“ und Istvan Repaczki, der auch Onkel der ermordeten Michelle ist, organisiert und unter reger Bürgerbeteiligung durchgeführt wurde und einer zweiten nächtlichen Demonstration von circa 80 Nazis im Leipziger Problemstadtteil Reudnitz am 23. August gab es nun erneut eine Demonstration:
Ab kurz vor 18 Uhr sammelten sich am Montag dem 25. August mehrere Hundert Personen vor der Martinschule in Reudnitz. Die Demonstration wurde recht kurzfristig von Simone Thalheim angemeldet. Die Ordner wurde fast ausschließlich von Nazis der „Freien Kräfte Leipzig“ und Personen aus problematischen Lok-Leipzig Zusammenhängen gestellt. Mitorganisator war so beispielsweise ein gewisser Enrico Böhme – ein Aktivist der Lok Ultragruppierung Blue Caps, mit denen er auch gerne einmal Schutzaufgaben für NPD Veranstaltungen übernimmt und der überdies aufgrund seiner nazistischen Einstellungen sogar den Lok-Radiosender „Lokruf“ verlassen musste.
Der zwischenzeitlich 400 bis 600 Personen umfassende Mob Demonstrationszug bewegte sich, nachdem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesammelt hatten, durch Reudnitz zum Stötteritzer Wäldchen, wo die Leiche Michelles gefunden worden war. Unterwegs wurde unter Anderem „Kinderschänder an die Wand!“, „Keine Gnade für Kinderschänder“ und „Was fordern wir? Todesstrafe! Für wen? Kinderschänder!“ skandiert. Es wurden 3 Transparente mit der Aufschrift „Ohne uns keine Zukunft – nationaler Sozialismus jetzt!“ mitgeführt und mindestens zeitweise gut sichtbar getragen. Desweiteren hatten die Demonstrationsteilnehmerinnen und -teilnehmer Banner mit folgenden Texten bei sich: „Wir hassen euch! Ihr Kinderschänder seid Nicht erwünscht! Wir fordern Härttere Strafen„, „Härtere Straffen für Kinderschänder„, „Wacht endlich auf – schützt unsere Kinder„. (Rechtschreibfehler im Original)
Am Stötteritzer Wäldchen hielt ein nicht einzuordnender Vater eines kleinen Kindes einen Redebeitrag[Youtube], in dem bessere Präventionsmaßnahmen, härtere Strafen und die öffentliche Bekanntmachung von Kinderschändern gefordert wurde. Nach diesem Redebeitrag fragte eine Frau (auch in dem Video zu sehen) lautstark „ob ihr [das nächste mal] alle dabei seid“ – worauf hin die frenetische Menge mit zwei einhelligen „Ja!“-Schreien antwortete um dann – Reichsparteitag light – gemeinsam und in tiefstem Sächsisch „Mir sin dabei!“ zu rufen.
Danach begab sich der Zug im Dunkeln zurück zur Martinschule, an der die Demonstration von einer Frau – vermutliche Simone Thalheim – beendet wurde. Kurz darauf kündigte sie noch an, dass die Demonstrationen von nun an jeden Montag stattfinden sollen – was die Menge mit einem erneutem lautstarken „Mir sin dabei“ begrüßte.
Mal abgesehen davon, dass das Gros der Teilnehmerinnen und Teilnehmer offensichtlich nach wie vor kein Problem mit der massiven Nazipräsenz – laut Polizeiangaben waren es diesmal „300 Rechtsradikale“ – hat und sich allem Anschein nach auch kein bisschen an der mitgeführten Nazipropaganda stört, ist die Teilnehmerzahl im Vergleich zum letzten mal sogar noch gewachsen. Obwohl die Medien und die Stadtverwaltung die Instrumentalisierung des Mordfalls durch Nazis mittlerweile öffentlich kritisieren, bleibt zu befürchten, dass die aufgeheizte Menge zumindest bis zum nächsten mal wohl eher wachsen als schrumpfen wird.
Nebenbei formiert sich in Reudnitz eine Elterninitiative, die auch die weiteren „Montagsdemos“ organisieren will und die Bildung einer Kinderschutzgruppe forciert. Vor allem erstere Gruppe wird vermutlich von Istvan und anderen Nazis als Propagandaplattform und Tür zu den Reudnitzer Bürgerinnen und Bürgern dienen. Dass von letztgenannten kaum Widerstand dagegen zu erwarten ist, scheint nach den letzten Vorkommnissen relativ wahrscheinlich zu sein.
Simone Thalheim jedenfalls gab laut Medienberichten immerhin zu Protokoll „die Forderung nach der Todesstrafe abzuehnen“ und akustische Ausformulierung derselben bei der Demonstration an diesem Montag weitgehend unterbunden zu haben – wobei zumindest Letzteres augenscheinlich[Youtube] nicht wirklich gut funktioniert hat.
Die Reaktionen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte bestehen bis jetzt ausschließlich auch kritischen und ablehnenden Statements. Zu einer wirklich Intervention konnte sich, von einigen Überlegungen abgesehen, noch niemand durchringen. Das ist aufgrund des situationsbedingten Dilemmas aber vielleicht auch nicht verwunderlich:
Gegendemonstrationen scheinen – obgleich möglich – zu diesem Zeitpunkt kein geeignetes Mittel zu sein. Sie würden mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit zu einer Trotzreaktion der aus verständlichen Gründen in höchstem Maße emotionalisierten Reudnitzer Bevölkerung führen. Auch Katz-und-Maus Spiele mit der Polizei oder gar gröbere Auseinandersetzungen würden keinen Überzeugen und ein mehr als problematisches Bild abgeben.
Konkurrenzveranstaltungen, die besser organisiert sind und an denen mehr Menschen teilnehmen könnten sich positiv auswirken und die Nazis möglichweise isolieren. Andererseits werden diese, in Erscheinung und Inhalt, den Todesstrafe-geilen Folterfreunden aus dem Bürgermob wohl als zu lasch und weich erscheinen.
Den Bürgermob inklusive Naziagitation zu ignorieren kann ebenfalls keine Antwort sein auf ein Problem, das sich derzeit nicht von allein zu erledigen scheint. Zumal auch bei gleichbleibender Beteiligung oder dem langsamen Abnehmen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den nächsten „Montagsdemos“ die Gefahr eines festen und langfristigen Zusammenwachsens Reudnitzer „Normalbürger“ und Nazis besteht.
Eine andere Möglichkeit könnte darin bestehen, die Organisatoren der kommenden Demonstrationen unter Druck zu setzen, damit die Nazis ausgeschlossen werden und im Gegenzug mehr Beteiligung zu versprechen. Dabei ist allerdings fraglich, ob die Organisatoren mit den Nazis nicht schon viel zu verzahnt sind – beziehungsweise ob sie nicht schon fast identisch sind. Desweiteren könnte es möglich sein, dass die anderen möglichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht wirklich erwünscht sind, oder ein solches Angebot auch zu einer Trotzreaktion kommt, denn wer lässt sich schon gern „seine“ Demo wegnehmen?
Auf jeden Fall wichtig ist aber eine weitere kritische Berichterstattung durch die Presse und Beobachtung durch demokratische Zusammenschlüsse. Nebenbei kann es sicher nicht schaden, darauf hinzuweisen, dass Nazis eben nicht die Kinder- und Menschenfreunde sind die sie im Reudnitzer Kasperletheater darstellen – zu zeigen am besten auch an prägnanten Einzelbeispielen.
Ob oder wie weit Reudnitz und Leipzig weiter in braunes Fahrwasser geraten, wird der interessierte Mensch die nächsten Wochen sehen können.
Bis dahin zum Thema hier noch einige Links:
Demonstration am Donnerstag, 21. August
Spiegel TV Bericht über instrumentalisierung durch Nazis[Youtube]
Neonazis missbrauchen Tod der kleinen Michelle[sachsen-zeit.de]
Leipzig: Nazis instrumentalisieren Kindstod[Indymedia]
Nazi-Demonstration in Reudnitz[leipzig.noblogs]
Video eines Teilnehmers[Youtube]
Demonstration Freitag Nacht, 22. August
Erneute Nazi-Demonstration in Reudnitz[leipzig.noblogs]
Demonstration Montag, 25. August
Kritik an Instrumentalisierung des Falls Michelle[LVZ Online]
Rechts, Links – Oben, Unten?[Leipziger Internet Zeitung]
Demonstranten und Neonazis wollen härtere Strafen für Kinderschänder[LVZ Online]
Neonazis instrumentalisieren Mordfall Michelle[Welt Online]
Abgründe[linxxnet.de]
Video eines Teilnehmers, Teil 1 2 3 4 5 6 [Youtube]
*** Aktualisierung 27. August 15:52 Uhr ***
Noch zwei lesenswerte Blog Beiträge dazu:
Die tote Michelle, Neonazis – und RTL[Stefan Niggermeier]
Erster Akt: Reudnitzer Montagsdemo[Flohbude]
Und hier ein paar weitere gruselige Zitate aus der größten Michelle-StudiVZ Gruppe (wir erinnern uns):
„Am besten ist Schwanz ab und in eine Zelle mit vielen Schwulen setzen.“
„was dieses monster für ne strafe bekommen sollte!??
ihn auf nen stuhl fesseln und grausam quälen,stück für stück sollen solche bestien merken wie es sich anfühlt[..] vernichten klar auf jeden fall aber nicht auf so sanfte art, denn sowas haben solche monster nicht verdient! „„tötet diese drecksau!!!! mitten auf dem marktplatz steinigen,oder mal den vater der kleinen an den typen lassen!!!!“
„Den Schwanz in Scheiben schneiden und dann ausbluten lassen.“
*** Korrektur 27. August 21.40 Uhr***
Ursprünglich hies es in diesem Eintrag
„Der zwischenzeitlich 400 bis 600 Personen umfassende Mob Demonstrationszug bewegte sich nach einem Redebeitrag Istvan Repaczkis durch Reudnitz zum Stötteritzer Wäldchen[..]„
Der Autor hatte die Information, dass Istvan Repaczki gesprochen hat, aus der Hand Dritter und kann sie nicht mehr bestätigen. Da diese Information zudem in keinem dem Autor bekannten anderen Medium auftaucht, ist davon auszugehen, dass sie falsch war.

